Behinderte und Normalität

Heute Nacht habe ich geträumt, geträumt von einer Welt in der alle Menschen glücklich sind. Niemand wurde benachteiligt weil er weiß, klein, dünn, blind, taub, ein Krüppel oder sonst was ist. Jeder wurde so genommen, wie er war – in seiner ganzen Größe. Keiner wurde ausgegrenzt, nur weil er etwas anderes dachte und dies auch sagte. Alle respektierten einander und es war, trotz aller Verschiedenheit ein friedliches Miteinander.

Nachdem ich aufgewacht bin, hatte mich aber  die Realität wieder eingeholt. Denn ich muss meine Junioren dazu anziehen, dass sie in eine Sondereinrichtung fahren, um dort den Tag über betreut zu werden. Die Werkstatt mit dem Förderbereich, in dem Carsten und Wiebke sind, ist in einem Industriegebiet, abseits vom Geschehen. Wenn sie einkaufen wollen, müssen sie erst ins nächste Dorf fahren … Kindergärten sind mitten im Dorf.

Mag sein, dass ich nicht gerecht bin, habe ich doch seit 40 Jahren jeglichen Bezug zur Normalität verloren. Seit dieser Zeit ist nämlich (fast) nichts mehr normal bei uns. Wir fallen immer auf, egal wohin wir gehen; wenn wir gehen und den Aufwand nicht scheuen. Wir bemühen uns einigermaßen unauffällig zu sein, uns einzugliedern und werden doch oft scheel von der Seite angeglotzt. Manchmal kommen wir gar nicht zu den Veranstaltungsorten weil es unüberbrückbare Treppen gibt (auch in neuen Gebäuden). Wenn wir dort sind, sprechen uns kaum Menschen an – wir stehen abseits, sind außen vor, statt mittendrin. Okay, es gibt natürlich auch andere Situationen. Die, bei denen wir liebevoll empfangen werden, aber die sind leider eine Ausnahme und meistens Veranstaltungen, die extra für Behinderte ausgerichtet werden …

Kann es nicht einigermaßen normal sein, dass Wiebke bockt? Sie ist in der Trotzphase seit dem andere Kleinkinder auch in der Trotzphase sind. Bei ihr ist es allerdings so, dass sie aus der Phase seit mehr als 25 Jahren nicht herauskommt. Wer weiß, wie Kinder in der Trotzphase reagieren kann ansatzweise nachvollziehen, wie es uns ergeht.

Meine Kuddelmuddelgedanken möchte ich jetzt in die Ecke stellen; ich habe einen Freund heute Morgen hier gehabt und dieser hat sich bereit erklärt, mir beim „Persönlichen Budget“ zu helfen!

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Veröffentlicht von

petra ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Ein Kopf voller Fragen: Was denkt er gerade? Was ziehe ich heute an? Wo ist Süden? Soll ich, oder nicht? Warum habe ich in den 70er Jahren meine Haare so verunstaltet? Wie bekomme ich diesen Fleck weg? Was macht eigentlich die - ähm, wie heißt sie noch - die Dings, die... ömpf... die, die immer so schräg aussah? Was macht die Feuerwehr hier? Warum immer ich? Ist dein Blau mein Blau? Wer hat die Schokolade aufgegessen? Wieso regnet es schon wieder? Was? Wieso? Warum?

5 Gedanken zu „Behinderte und Normalität“

  1. Oh ja, die Bockphase kann ich, aus der Aktualität heraus, nachvollziehen. Scheußlich!

    Darf ich eine Frage stellen? Wieso wäre es für dich/euch so wichtig, angesprochen zu werden? Andere Menschen werden ja auch nicht angesprochen. Ich zum Beispiel. Und oft wäre es mir auch alles andere als recht, einfach angesprochen zu werden.

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  2. Das ist die Crux. Wir wollen eigentlich nur als ’normal‘ behandelt werden. Nicht richtig angesprochen, sondern mitsprechen können, so nebenbei, wie man halt miteinander umgeht. Oder verlange ich da zu viel? Habe ich falsche Vorstellungen? Ich kann das so schlecht beurteilen, weil ich die Mimik der Außenstehenden sehr schlecht deuten kann…

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    1. Ich muss zugeben, mir das recht schwer vorstellen zu können, wie du das meinst. Weil dieses „wie man halt miteinander umgeht“ ja so vielschichtig ist.

      Magst du vielleicht einmal ein konkretes Beispiel aufschreiben?

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