ein Gedanke

„Du Mama, weißt du was?“
„Was denn?“
„Mama…“, Carsten rückt nicht raus mit der Sprache.
„Mama, weißt du, wir machen heute mal gar nichts? Oder?“
Doch!“ Wiebke protestiert heftig: „Meinst du, ich will hier versauern?“

„War ja nur ein Gedanke – weil ich so faul bin!“

Ob es hier richtig ist?

Es ist endlich Freitagabend, mein Mann hat frei und das Seminar ist vorbei. Es ist unglaublich was ein angehender Meister alles lernen muss. Aber nun ist er ja da, kann sich um seine hochschwangere Frau – um mich – kümmern. Leichtenherzens verlasse ich mit meinem Entbindungsköfferchen mein Elternhaus und fahre zurück in unsere kleine Dachwohnung…

über Wohin damit? — voller worte

Begegnungen

„Wo kommst du denn her?“ Eine Frage, die Carsten verblüfft – ist es doch seine!

Ein kleiner Junge, etwa 3 Jahre alt, mit seiner verschleierten Mutter im Hintergrund fragt meinen Sohn. Vorher hatten wir – Mutter und Sohn einen Disput und die gegnerische Seite ebenfalls. Carsten kasperte im Drogeriemarkt und der kleine Junge hielt ihn daraufhin für eine Oma im Rollstuhl. „Hey, ich bin keine Oma, ich bin ein Mann!“ Die Mutter war sehr souverän, erkläre ihrem verdutzten Sohn, dass meiner behindert ist und dass man darüber keine Witze macht.

Jetzt kam ein Gespräch in Gang: „Warum trägst du ein Kopftuch? Wo kommst du her?“ „Aus Deutschland!“ „Bist du Muslima?“ „Warum kannst du so gut deutsch!“ „Ich bin Deutsche, habe nur den Glauben angenommen.“ „Warum?“ „Warum glaubst du an deinen Gott?“ „Betet dein Sohn auch?“

So ging das hin und her. Wir sprachen über jüdische Frauen, die ihr Haar auch bedecken sollen und deswegen Perücken tragen, über türkische Namen für deutsche Kinder, über Väter, die Erdogan nicht wählen wollen, aber auch nicht hayır sagen können, weil ihnen sonst Repressalien drohen.
Wir redeten über Frühjahrsmützen und Badehosen und darüber, dass kleine Jungs und Männer im Rollstuhl leider nicht Auto fahren dürfen, Ihnen aber die Autos trotzdem gehören können.

Nur schade war, dass Emin schon weg war, als Carsten ihm einen Keks schenken wollte…

Familie

Wie man im schwarzen Afrika und bei den Ureinwohnern Nordamerikas weiß, ist deine Familie das gesamte Dorf, mit allen seinen Lebenden und seinen Toten. Und deine Verwandtschaft endet nicht bei den Menschen.

Deine Familie spricht auch aus dem Knistern der Flammen zu dir, im Rauschen des fließenden Wassers, im Atmen des Waldes, in den Stimmen des Windes, im Zorn des Donners, im Regen, der dich küsst, und im Singsang der Vögel, die deine Schritte grüßen.

Eduardo Hughes Galeano (* 3. September 1940 in Montevideo, Uruguay; † 13. April 2015 ebenda)

ach Menno | pädagogischer Tag

Pädagogischer Tag in der Werkstatt

Carsten hat schlechte Laune und Wiebke sitzt seit einer halben Stunde auf ihrem Bett und ist muksch!

Carsten: „Warum will eigentlich niemand was mit uns machen. Nur H., aber die nervt grad gewaltig?“ H. ist unsere  Pastorenfreundin und sie ist momentan sehr bestimmend und das mögen die Junioren beide nicht.

Wenn Carsten anfängt zu erzählen, dann unterbricht sie ihn immer und fordert MenschÄrgereDichNicht spielen ein – nichts anderes – neues mag sie nicht und der Kerle und auch das Töchting mögen nicht ausschließlich ’nicht ärgern‘ spielen.

So sind sie den Bestimmern gegenüber sehr bestimmend abweisend – und ich stecke in der Mitte fest. Es wird wirklich Zeit, dass neue Helfer akquiriert werden.

„Hoffentlich finden wir bald welche! Welche, die auch mit uns wegfahren und ins Museum gehen!“ Wiebke trifft’s mal wieder auf den Punkt.

Sowieso schon ganz schön doof

Behindert zu sein ist per se schon doof, behindert werde noch mehr, aber wenn behinderte Menschen auch noch für doof verkauft werden, dann wird es richtig übel.

Carsten und Wiebke möchten das persönliche Budget nutzen. So gut, so schlecht! Es wurde vom zuständigem Sozialamt der Bedarf ermittelt und mir als unterschriftreife Zielvereinbarung zugestellt. Merkwürdig ist schon, dass ich 2 identische Schreiben für Carsten und Wiebke bekommen habe. Die Namen wurden ausgetauscht, aber ansonsten war alles tupfengleich! Das kann nicht sein, sind die Junioren zwar Geschwister und haben das gleiche Behinderungsbild, sind sie aber nicht tupfengleich. Allein, dass Carsten ein Mann und Wiebke eine Frau ist und so schon unterschiedliche Interessen haben.

Ich komme mir mittelprächtig übers Ohr gehauen vor. Unser Freund ist mit uns einer Meinung – eigentlich ist er die treibende Kraft, dass ich die Zielvereinbarung nicht unterschrieben habe. Wenn ich das nämlich getan hätte, dann hätte ich einen Vertrag unterschrieben, der uns heftig übervorteilt hätte.

Ich gebe zu, ich bin sehr blauäugig in das Abenteuer gestartet und war nur halbherzig informiert – bin es immer noch, und ich weiß auch nicht, ob ich es je richtig umfassend sein werde – aber so, wie ich und die Junioren überrumpelt wurden, das ist – gelinde gesagt – nicht fein!