Sowieso schon ganz schön doof

Behindert zu sein ist per se schon doof, behindert werde noch mehr, aber wenn behinderte Menschen auch noch für doof verkauft werden, dann wird es richtig übel.

Carsten und Wiebke möchten das persönliche Budget nutzen. So gut, so schlecht! Es wurde vom zuständigem Sozialamt der Bedarf ermittelt und mir als unterschriftreife Zielvereinbarung zugestellt. Merkwürdig ist schon, dass ich 2 identische Schreiben für Carsten und Wiebke bekommen habe. Die Namen wurden ausgetauscht, aber ansonsten war alles tupfengleich! Das kann nicht sein, sind die Junioren zwar Geschwister und haben das gleiche Behinderungsbild, sind sie aber nicht tupfengleich. Allein, dass Carsten ein Mann und Wiebke eine Frau ist und so schon unterschiedliche Interessen haben.

Ich komme mir mittelprächtig übers Ohr gehauen vor. Unser Freund ist mit uns einer Meinung – eigentlich ist er die treibende Kraft, dass ich die Zielvereinbarung nicht unterschrieben habe. Wenn ich das nämlich getan hätte, dann hätte ich einen Vertrag unterschrieben, der uns heftig übervorteilt hätte.

Ich gebe zu, ich bin sehr blauäugig in das Abenteuer gestartet und war nur halbherzig informiert – bin es immer noch, und ich weiß auch nicht, ob ich es je richtig umfassend sein werde – aber so, wie ich und die Junioren überrumpelt wurden, das ist – gelinde gesagt – nicht fein!

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Behinderte und Normalität

Heute Nacht habe ich geträumt, geträumt von einer Welt in der alle Menschen glücklich sind. Niemand wurde benachteiligt weil er weiß, klein, dünn, blind, taub, ein Krüppel oder sonst was ist. Jeder wurde so genommen, wie er war – in seiner ganzen Größe. Keiner wurde ausgegrenzt, nur weil er etwas anderes dachte und dies auch sagte. Alle respektierten einander und es war, trotz aller Verschiedenheit ein friedliches Miteinander.

Nachdem ich aufgewacht bin, hatte mich aber  die Realität wieder eingeholt. Denn ich muss meine Junioren dazu anziehen, dass sie in eine Sondereinrichtung fahren, um dort den Tag über betreut zu werden. Die Werkstatt mit dem Förderbereich, in dem Carsten und Wiebke sind, ist in einem Industriegebiet, abseits vom Geschehen. Wenn sie einkaufen wollen, müssen sie erst ins nächste Dorf fahren … Kindergärten sind mitten im Dorf.

Mag sein, dass ich nicht gerecht bin, habe ich doch seit 40 Jahren jeglichen Bezug zur Normalität verloren. Seit dieser Zeit ist nämlich (fast) nichts mehr normal bei uns. Wir fallen immer auf, egal wohin wir gehen; wenn wir gehen und den Aufwand nicht scheuen. Wir bemühen uns einigermaßen unauffällig zu sein, uns einzugliedern und werden doch oft scheel von der Seite angeglotzt. Manchmal kommen wir gar nicht zu den Veranstaltungsorten weil es unüberbrückbare Treppen gibt (auch in neuen Gebäuden). Wenn wir dort sind, sprechen uns kaum Menschen an – wir stehen abseits, sind außen vor, statt mittendrin. Okay, es gibt natürlich auch andere Situationen. Die, bei denen wir liebevoll empfangen werden, aber die sind leider eine Ausnahme und meistens Veranstaltungen, die extra für Behinderte ausgerichtet werden …

Kann es nicht einigermaßen normal sein, dass Wiebke bockt? Sie ist in der Trotzphase seit dem andere Kleinkinder auch in der Trotzphase sind. Bei ihr ist es allerdings so, dass sie aus der Phase seit mehr als 25 Jahren nicht herauskommt. Wer weiß, wie Kinder in der Trotzphase reagieren kann ansatzweise nachvollziehen, wie es uns ergeht.

Meine Kuddelmuddelgedanken möchte ich jetzt in die Ecke stellen; ich habe einen Freund heute Morgen hier gehabt und dieser hat sich bereit erklärt, mir beim „Persönlichen Budget“ zu helfen!

Du Mama

„Du Mama, wenn du doch Helfer suchst, was sollen diese machen?“ Carsten fragt mal wieder Löcher in den Bauch.
„Genau, das ist eine sehr gute Frage. – Sie sollen Begleitung sein bei allen Aktivitäten des Lebens:
Konzerte, Kino, Shoppen, Zoobesuch, Essen gehen, Spaziergänge, Reisebegleitung, Ausflüge usw.“ Die Helfer sollten keine Scheu haben, auch mal zu füttern und eventuell den Kerle penetrant zum Essen zu animieren.
„Rollstühle schieben, sollten sie können….“, sage ich noch.
„Das können sie doch lernen – das ist doch nicht so schwer!“
„Aber manch einer traut sich das nicht zu! Dabei ist das wie Kinderwagen schieben.“

„Wiebke und ich sind aber keine Kinder mehr. Die Menschen sollen sich auch mit uns unterhalten und uns nicht wie Kleindoofi behandeln!“
„Wir werden schon gemeinsam die oder den richtigen finden.“
„Hoffentlich!“